Kein Länder-Portfolio der Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) ist so groß wie das von Indien. Dabei bilden die Energiefrage, eine nachhaltige Stadtentwicklung sowie der Umwelt- und Ressourcenschutz die Kernbereiche. Mit 500 Millionen Euro fördert die KfW den Bau einer Stadtmetro in der zentralindischen Stadt Nagpur. Frank Wahlig sprach im November 2018 mit Prof. Dr. Joachim Nagel, Mitglied des Vorstandes und verantwortlich für das internationale Geschäft der KfW.

Was ist das Interessante an einem Land wie Indien für die KfW?

Indien ist für Deutschland ein ganz traditioneller Partner. Der erste Kredit, der überhaupt von der Entwicklungsbank KfW  herausgegeben wurde, ging an Indien. Das war vor rund sechzig  Jahren. Das berühmte Stahlwerk in Rourkela wurde damals mit 200 Millionen D-Mark gefördert. Das war 1960.  Dieses Jahr haben wir die 60-jährige Kooperation zwischen Indien und der KfW gefeiert. Indien ist als Land mit 1,3 Milliarden Menschen, wovon 250 Millionen unter der Armutsgrenze leben, ein Land, das sich für die Entwicklungszusammenarbeit geradezu anbietet.

Bei dem Stichwort Entwicklungszusammenarbeit denkt man hauptsächlich an Armutsbekämpfung. Doch was die KfW in Nagpur, Zentralindien fördert und auf dem Weg gebracht hat, ist doch eher Industriepolitik: ein Stadtbahnprojekt von enormer Größe und Bedeutung für die weitere Entwicklung der Stadt Nagpur.

Es geht darum, Indien weiterzubringen im Rahmen seiner wirtschaftlichen Entwicklung. Das kommt dann schließlich allen zugute – auch den Armen. Es schafft Möglichkeiten für Beschäftigung, damit mehr Einkommen. Insgesamt ist es ein ganzheitlicher Ansatz der Entwicklungszusammenarbeit. Die Betonung liegt auf Zusammenarbeit. Es geht nicht mehr um Entwicklungshilfe. Es geht um Zusammenarbeit auf Augenhöhe zwischen der Bundesrepublik Deutschland und Indien.

Die KfW arbeitet bei ihren Projekten mit gewissen Benchmarks, Leitlinien.  Nachhaltigkeit ist das Stichwort. Was ist darunter zu verstehen? Was ist die Nachhaltigkeit bei dem Metro-Bahn-Projekt in Nagpur?

Ich denke, die KfW kann für sich behaupten, dass wir schon seit Jahren unseren Kreis an Maßnahmen identifiziert haben, die wir als nachhaltig bezeichnen.  Konkret hier in Indien – wir haben ja etliche Projekte - um erneuerbare Energien, es geht darum Abwasser- und Energieprojekte voranzubringen, es geht um Mobilität und um energieeffizientes Wohnen und Bauen.  Da müssen wir gar nicht über Begriffe streiten: Das ist ganz bestimmt Nachhaltig. Indien ist mittlerweile der drittgrößte Produzent von CO2. Wenn  wir weltweit mit der Reduzierung des CO2-Ausstoßes vorankommen wollen, dann kann das nur über Indien gehen. Das, was wir hier tun, die Unternehmungen, die wir  fördern,  ist nicht nur im indischen Interesse sondern auch im globalen Interesse.

Immer mehr Menschen ziehen vom Land in städtisch geprägte Gebiete. Das ist ein weltweites Phänomen. Die KfW reagiert im zentralindischen Nagpur darauf und unterstützt mit 500 Millionen Euro die Entwicklung und den Bau eines Nahverkehrssystems. Die Nagpur-Metro. Was sind die Gründe, dass die Bundesrepublik sich über die KfW daran engagiert? Eine halbe Milliarde Förderung, das ist ein Statement.

Nagpur ist eine typische Stadt für Indien. Sie liegt in der geographischen Mitte des Subkontinents. Etwas über 2,5 Millionen Einwohner. Sie ist am Wachsen. Die Verstädterung wird anhalten. Wir gehen davon aus, dass in zwanzig Jahren rund die Hälfte der Bevölkerung Indiens in urbanen Zentren leben und arbeiten wird. Konkret: Von derzeit 450 Millionen Menschen werden in zwanzig Jahren weit über 600 Millionen Menschen in Stadträumen sein. Diese Menschen wollen sich bewegen, wollen von a nach b kommen,  wollen sich effizient fortbewegen, wollen ihre Arbeit machen, dazu trägt dieses Metroprojekt bei. Es ist in unserem gemeinschaftlichen Interesse wenn dies alles CO2-arm geschieht. Da ist nachhaltiges Bauen und intelligentes Betreiben eines Nahverkehrssystems ganz wichtig.

Bei der Nagpur Metro wurde auf Umwelt, Nachhaltigkeit, Energieerzeugung und -nutzung  großen Wert gelegt.

Die Nagpur Metro ist sehr umweltfreundlich, weil: Ein Großteil der Energiegewinnung, fast 2/3,  für Nagpur Metro kommt aus der Solarenergie. Das ist sicherlich ein Vorzeigeprojekt. Nagpur Metro ist auch von der Digitalisierung her interessant. Wie werden Verkehrsströme gelenkt, wie wird die Metro angebunden an das regionale, lokale Transportsystem wie entwickelt sich die Stadt Nagpur weiter. Das ist für mich im Grunde der Kern einer Entwicklung einer Stadt die wachsen wird. Ein Vorzeigemodell. Da können sich andere Städte ein Beispiel nehmen. Wir lernen viel aus diesem Projekt und wir glauben, dass das durchaus für andere Städte, die ebenfalls über Metroprojekte nachdenken, beispielhaft sein kann wie man hier in Nagpur mit dieser Entwicklung umgeht.  Wir selbst lernen viel aus dieser Projektförderung.

Nachhaltige Mobilität ist eine Herausforderung, technisch, logistisch. Eine Verkehrsstruktur, die die Stadtstruktur nicht zerstört. Die KfW finanziert nicht nur mit 500 Millionen Euro ein Nahverkehrsprojekt. Die Mitarbeiter der KfW überprüfen die Fortschritte und sammeln natürlich auch Wissen und Erfahrung für weitere Förderungen.

Das ist einer der größten Herausforderungen für die nächsten Jahrzehnte, wie wir mit dem Bevölkerungswachstum umgehen. Wie wir die Urbanisation intelligent entwickeln.  Die KfW als Entwicklungsbank ist hier so etwas wie ein Katalysator, ein Wissensträger.  Wir können unser Wissen weitergeben. Wir können mit unserer Erfahrung anderen Städten und Regionen helfen mit der Bevölkerungsentwicklung so umzugehen, dass wir am Ende Städte haben, die mit geringer CO2-Belastung ihr Bevölkerungswachstum stemmen können.

Wie wird dieses Wissen weitergegeben. Wartet die KfW, dass jemand kommt und nachfragt?

Wir sind  als Entwicklungsbank in vielen Regionen der Welt aktiv. Wir sind mit vielen Städten, Institutionen, mit vielen Verantwortungsträgern im Gespräch. Natürlich geben wir unser Wissen, das wir an anderen Stellen gewonnen haben  weiter. Das ist  ein intelligentes  Wissensmanagement. Das gibt es natürlich auch innerhalb der KfW. Da lege ich als Vorstand der KfW großen Wert drauf. Davon verspreche ich mir viel. Das ist auch das Geschäft der KfW, dass wir mit modernen Mitteln der Digitalisierung, mit Apps, die wir in Zukunft haben werden, interessierten Städten Projekte zeigen und erklären können.

Ist die KfW da weiter als andere Entwicklungsträger?

Ich glaube dass die KfW mit ihrer langen Tradition, 60 Jahre im Geschäft gewissermaßen, zur Championsleage der Entwicklungsbanken gehört. Ich würde aber nie für uns in Anspruch nehmen, dass wie die besten sind, wir leben auch von der Kooperation mit anderen Entwicklungsbanken. Auch geht es darum, unser Wissen mit anderen Entwicklungsbanken auszutauschen. Es geht nicht darum, der Erste oder der Beste zu sein, sondern es geht darum, dieses gemeinsame Gut nachhaltige Wirtschaftsentwicklung voranzubringen. Das ist unser Anliegen. Und wenn die KfW dazu ein Stück weit beitragen kann, wie hier in Nagpur, dann freut mich das sehr.

Sind sie mit dem Fortschreiten des Nagpur Metro Projekts zufrieden? Nochmal: Die KfW  alleine hat 500 Millionen Euro eingebracht. Das größte deutsche Projekt einer Förderung.

Also: 500 Millionen Euro in Indien investiert,  für so ein Projekt, welches in so kurzer Zeit solche Erfolge, solchen Baufortschritt aufweisen kann, das ist sehr gut. Da könnten sich andere Bauprojekte ein Stück davon abschneiden. Da kann man mit so einem Investment nur zufrieden sein. Das ist gut angelegtes Geld. Mir ist da nicht bange um das Metro Nagpur Projekt.

Danke für das Gespräch.