Gunther von Hagens’ Körperwelten-Wanderausstellungen finden seit Jahren weltweit Beachtung. Über 40 Millionen Besucher haben in den Schauen bereits die Plastinate aus dem Körperspendeprogramm des Mediziners besichtigt. Im Februar 2015 hat von Hagens am Berliner Fernsehturm ein ständiges Museum eröffnet und damit erneut eine heftige Diskussion über die öffentliche Zurschaustellung von Plastinaten ausgelöst. Ina Hegenberger sprach mit dem Philosophen und Ethiker Prof. Dr. Franz Josef Wetz über das erste Menschen Museum im Februar 2015.

Herr Professor Wetz, bei der Eröffnung des Menschen Museums haben Sie in Anspielung auf die Diskussion um Gunther von Hagens’ Plastinate, die nach gewonnenem Rechtsstreit jetzt im Berliner Zentrum gezeigt werden dürfen, unter anderem Voltaire zitiert: „Am Ende eines jeden Problems sitzt ein Deutscher.“ Trifft dieses Bonmot den Kern der Debatte?

Ein bisschen schon. Denn Deutschland ist eine sehr grundsätzliche und aufgeregte Nation, weshalb ja auch Lichtenberg einmal schrieb: Die Deutschen lernen, die Nase früher zu rümpfen als zu schnäuzen.

Was stört Sie so an der Berliner Diskussion über das Menschen Museum?

Was am meisten stört, ist der irreführende, unfaire öffentliche Sprachgebrauch. So wird etwa von verletzter Menschenwürde gesprochen, ohne dass man erfährt, was Menschenwürde bedeutet und inwiefern sie verletzt wird. Es wird von Leichenspektakel gesprochen, als ob die Ausstellung ein Theater des Schreckens wäre, ein skurriler Friedhof. Dabei imponiert sich das Leben in der Ausstellung doch selbst. Natürlich bewegt sich das Menschen Museum hierbei im Grenzbereich zwischen Leben und Tod. Na und?

Kritiker aus Kirchenkreisen und öffentlichen Ämtern werfen Gunther von Hagens vor, seine Ausstellungen mit plastinierten Leichen seien ein unmoralisches Geschäft mit dem Tod.

Dieser Einwand ist verlogen. In der Marktwirtschaft gibt es nur Subventions- oder Kommerzkultur. Opernhäuser, Theater und Staatliche Museen werden in der Regel von der öffentlichen Hand unterstützt. Solche Unterstützungen gibt es für das Menschen Museum nicht. Deshalb ist die Ausstellung wie jedes Unternehmen auf Profit angewiesen. Aber darf man mit dem Tod deshalb gleich Geschäfte machen? Dieses Bedenken ist genauso heuchlerisch. Denn mit dem Tod machen sehr viele Geschäfte: Zeitungen mit Todesanzeigen, Bäckereien und Gaststätten nach dem Begräbnis, Bestattungsunternehmen und Steinmetze – und nicht zuletzt die Kirchen selbst, insofern Gläubige mit der Kirchensteuer auch schon den geistlichen Beistand an ihrem Grab vorfinanzieren. Davon abgesehen, macht die Ausstellung eher Geschäft mit dem Leben als mit dem Tod, da sie ja die Besonderheit und Einmaligkeit des Lebens auf dem Hintergrund seiner Zerbrechlichkeit und Vergänglichkeit zelebriert.

Die Kuratorin Dr. Angelina Whalley hat die Ausstellung anhand von Themenfeldern wie Ernährung und Bewegung konzeptioniert, also durchaus mit dem Anspruch der Wissensvermittlung. Wie erklären Sie sich das Besuchsverbot für Brandenburger Schulklassen im Rahmen des Unterrichts?

Ehrlich gesagt, finde ich ein solches Verbot skandalös. Wo sind wir denn? Solche Verbote sind überkommene obrigkeitsstaatliche Maßnahmen, die ins Wilhelminische Zeitalter gehören, aber nicht zu einem liberalen Gemeinwesen wie Deutschland passen. Ich wundere mich sehr, dass sich die Lehrer solchen Dirigismus durch die Kultusadministration gefallen lassen. Dass die Medien bei dieser antiliberalen Kampagne teilweise auch noch mitspielen, setzt dem Ganzen die Krone auf. Stattdessen wären die Medienvertreter beim Wort zu nehmen, die in den letzten Wochen angesichts der Anschläge von Paris auf uneingeschränkte Presse- und Meinungsfreiheit pochten, im Menschen Museum aber am liebsten Zensur ausüben würden.

Was schlagen Sie vor angesichts all der Widersprüche?

Auf alle Fälle sollte jeder, der Verbote ausspricht, die Ausstellung wenigstens besucht haben. Woher wissen denn die zuständigen Bedenkenträger so genau, dass die Ausstellung nichts für Schüler und Kinder ist? Was in Brandenburg unmöglich sein soll, war in Hessen, Bayern, Baden-Würtemberg, Hamburg, Sachsen usw. möglich. Millionen Schüler sind mit ihren Lehrern durch die Ausstellung gegangen, die in mehr als 20 Ländern in naturwissenschaftlichen Museen mit deren Unterstützung präsentiert wird. Dass dies alles nicht von den zuständigen Behörden zur Kenntnis genommen und berücksichtigt wird, geschweige denn sie verunsichert, zeugt von empörender Ignoranz und Arroganz.

Die Ausstellung hat den Anspruch, mehr Achtsamkeit für den eigenen Körper zu entwickeln. Haben Sie den Eindruck, dass dieser Effekt tatsächlich eintritt?

Was der Einzelne aus der Ausstellung für sich mitnimmt, hängt auch vom Grad des Interesses und Stand des Vorwissens ab. Der Sportstudent sieht Anderes als die interessierte Hausfrau. Das Menschen Museum bietet eine Fülle sachlicher Informationen. Sie ist didaktisch hervorragend. Darüber hinaus bietet sie völlig ungewohnte Sinneseindrücke, welche die Besucher emotional berühren und nachdenklich werden lassen. Sie möchte einen Beitrag zur Intensivierung des bewussten Lebens leisten, indem sie den Sinn für unsere Gesundheit schärft, Grenzen und Möglichkeiten unseres Körpers aufzeigt und die Frage nach der Bedeutung des Menschen anregt. Es ist natürlich, ein Interesse an dem Körper zu haben, der man ist. Und ein Teil der Kultur dieses Interesses ist die Anatomie.

Warum passt das Menschen Museum zu Berlin?

Berlin ist eine weltoffene Stadt, eine Metropole des Feierns, der Kultur, der Wissenschaft: bunt, hip und kreativ. Darum passt das Menschen Museum zu Berlin. Zu Berlin passt nicht, dass einzelne Personen ihren persönlichen Geschmack ihren Mitbürgern aufzwingen dürfen. Wie kommen diese Personen darauf, genau zu wissen, wer was sehen darf? Dahinter steckt eine ungeheure Machtanmaßung. Die Frage ließe sich leicht ausweiten in dem Sinne: Was darf wer wissen? Was darf wer zeichnen? Solche Regulierungen stehen der weltoffenen Stadt schlecht zu Gesicht. Die Bürger, Lehrer, Schüler sollen doch unvoreingenommen selbst entscheiden, ob sie das Menschen Museum besuchen wollen oder nicht.

Danke für das Gespräch.