Der Musiker und Pädagoge Alexander Saier unterrichtet Kinder und Jugendliche im Dirigieren. Dabei hat er die erstaunliche Erfahrung  gemacht, wie schnell Schüler ausgerechnet in der musikalischen Königsdisziplin Fortschritte machen. Ina Hegenberger sprach im Juni 2018 mit Alexander Saier über sein pädagogisches Projekt.

Alexander Saier

Sie haben eine Dirigierklasse gegründet und leiten diese seit fast fünf Jahren. Wie sind Sie darauf gekommen?

Als Musiklehrer war es immer mein Wunsch, Kindern etwas beizubringen,  das sie fürs Leben brauchen können. Die Anforderungen in der Schule  werden immer größer, sie müssen oft mehrere Fremdsprachen lernen, mit  Computern umgehen können und vieles mehr. Der Musiklehrplan ist dabei  nicht besonders hilfreich. Eine Beethovensonate zu analysieren, hat  wenig mit den Anforderungen des Alltags zu tun.

Aber dirigieren zu lernen, ist keine Kleinigkeit.

Ganz und gar nicht. Das Dirigieren fasziniert Menschen, ob sie nun  musikalisch sind oder nicht. Es geht um Musik in einem tiefen Kontext,  es geht aber auch über Musik hinaus. Man kann es auf alles übertragen.  Es gibt feine Unterschiede, wie man etwas sagt, hinterfragt und auf  einen Menschen zugeht. Kinder müssen dieses Verhalten erst entwickeln.  Mir ist aufgefallen, dass sie gern Führungsrollen spielen, also  dirigieren möchten.

Reicht das als Motivation, die Kunst des Dirigierens zu erlernen?

Wenn Kinder ein Musikstück selbst bestimmen können, also einen Sinn  darin sehen, dann lernen sie es ganz anders. Es ist ein Unterschied, ob  ich Noten nachsingen lasse oder dem Kind den Auftrag gebe, die Noten zu  dirigieren, die andere spielen müssen. Wenn Kinder einen Sinn mit dem  Lernen verknüpfen, sind die Noten kein Problem mehr. Als Dirigenten  lernen sie mehr über Musik, als wenn sie nur auf ein Instrument fixiert  sind. Daraus ist ein Schulprojekt an einer Berliner Schule mit  Curriculum für den Musikunterricht entstanden.

Spielen denn Körpersprache und Musikalität eine Rolle?

Kinder sind grundsätzlich musikalisch und wenn man sie im frühen Alter  fördert, kann Musikalität weiterentwickelt werden. Jedes Kind hat eine  eigene Körpersprache. Wenn es sich dieser bewusst ist und authentisch  bleibt, kann es dirigieren lernen. Auch körperbehinderte Kinder sind in  der Lage, ein Orchester zu dirigieren. Die Frage ist: Was braucht ein  anderer Mensch, um mich zu verstehen.

Warum sind Dirigierklassen für Kinder in der Nische?

Weil es für alles in Deutschland eine Lobby gibt. Dirigieren ist die High End Class und mit reichlich Standesdünkel belegt. Dabei hatte schon Leonard Bernstein mit seinen Young People´s Concerts die Idee, Laien  mit großen Orchestern zusammen-zuführen. Und in Venezuela gibt es schon lange Dirigierklassen innerhalb der staatlichen Initiative für Musikförderung. Gustavo Dudamel ist daraus hervor-gegangen. Mit zwölf hat er bereits ein großes Orchester dirigiert. In Deutschland herrscht der Gedanke, dass man erst eine lange Schule durchlaufen haben muss. Die  Aufnahmeprüfung fürs Studium ist die schwierigste, die es im Musikbereich gibt. Aber das wirklich große Problem ist, dass man für Dirigieranfänger immer ein Profiorchester braucht.

Wie realisieren Sie die Projekte, woher nehmen Sie die Mittel?

Zunächst sind wir auf private Förderer angewiesen. Einer der  Hauptunterstützer ist das Berliner Unternehmen Prodesign Marketing GmbH.  Dem Geschäftsführer Ulrich Rauhut ist das Projekt ebenso eine  Herzensangelegenheit wie mir. Es gibt immer noch Enthusiasten. Darauf  setzen wir und prüfen darüber hinaus, inwieweit uns öffentliche  Fördertöpfe unterstützen können.

Sie haben mit „Jugend dirigiert“ gemeinsam mit der Jungen Philharmonie Berlin unter Chefdirigent Marcus Merkel schon große Konzerte gegeben.

Marcus Merkel ist ein genialer Dirigent. Ihm ist es gelungen, die Junge Philharmonie in sechs Monaten zu einem Spitzenorchester auszubilden. So  haben wir es immerhin bis ins Konzerthaus Berlin geschafft. Das Ziel  ist es, vor zehn- bis fünfzehntausend Zuschauern aufzutreten. Das ist  mit hohen Kosten verbunden, weil ja immer ein ganzes Orchester bezahlt  werden muss.

Wie gefragt sind Dirigierkurse bei Eltern, die ihre Kinder musikalisch fördern möchten?

Wenn Eltern davon erfahren, sind sie neugierig. Als Leiter von zwei  Musikschulen in Märkisch-Oderland biete ich Dirigierklassen an. Bei den  Schülern im Grundschulalter ist die Nachfrage groß. Zwei meiner Schüler  haben es bereits auf die Musikhochschulen geschafft. Ich hoffe, die Idee  setzt sich durch.

Sie wollen auch in Unternehmen gehen und Mitarbeiter in die Grundlagen des Dirigierens einführen, um bestimmte Techniken auf die Arbeitswelt zu übertragen.

Dafür entwickeln wir gerade ein Programm. Die Musiker haben wir  bereits. Manager sollen die Möglichkeit bekommen, regelmäßig Dirigieren  zu üben.

Zu welchen Musikstücken?

Natürlich keine sehr schweren Stücke. Von einfachen Mozartsinfonien bis zu leichter Filmmusik.

Danke für das Gespräch.

Bildnachweis Titelbild: Leonard Bernstein sitzt am Klavier und annotiert Noten (1955). Foto: Al Ravenna, World Telegram staff photographer.