Der Architekt Sergei Tchoban und sein Kollege Wladimir Sedow gehen in ihrem gemeinsamen Buch der Frage auf den Grund, was die neuere Architektur für die Kultur von heute bedeutet und woran es liegt, dass sie nach wenigen Jahren an Bedeutung verliert. Ina Hegenberger sprach im Januar 2018 mit Sergei Tchoban in seinem Berliner Büro.[1]

Herr Tchoban, in Ihrem Buch sprechen Sie von einem Unbehagen in der zeitgenössischen Architektur. Was meinen Sie genau?

Wenn Städte neu gebaut werden und keine historische Substanz mehr vorhanden ist, ist insofern ein Unbehagen da, weil dann ganze zusammenhängende Baukomplexe entwickelt werden. Und das bedeutet meistens, dass dabei eine Substanz entsteht, die nicht sehr lange überdauern wird. Kürzlich habe ich die neuen Bezirke in Kopenhagen besichtigt. Was mir bei den Häusern vor allem auffällt, ist die Qualität der Oberflächensubstanz, die kaum eine gut alternde und für lange Zeit interessante Architektur verspricht. Die Merkmale historischer Städte finden sich in zeitgenössischen Städten nicht mehr wieder. In unserem Buch 30:70 Architektur als Balanceakt wollen wir die Eigenschaften der historischen Stadt ergründen und zeigen, was wir verloren haben.

Welchen Stellenwert hat die neuere Architektur für die heutige Kultur?

Unsere heutige Architektur besteht etwa dreißig bis fünfzig Jahre, bis sie wieder erneuert wird. Nach zehn oder zwanzig Jahren bleiben von neuen Bauwerken nur noch sehr wenige übrig, die noch Beachtung finden. Das meiste Gebaute ist dann veraltet und nicht mehr interessant, weil es nicht anständig gealtert ist. Schauen wir uns Häuser aus den 90er Jahren an, finden sich nur noch einzelne Highlights unter ihnen, die Masse ist schon nicht mehr attraktiv. Bei Häusern aus den 70er und 80er Jahren sieht die Bilanz noch schlechter aus. Es ist ein weltweites Phänomen, aber vor allem auch ein europäisches. Die Städte, die wir heute bewundern, sind in ihrer Substanz 150 Jahre alt. Den modernen Bauten fehlt die Detaildichte und Reichhaltigkeit der Fassaden-Strukturen. Dieses Defizit mindert die Überlebensqualität von Bauwerken.

Wie wirkt sich die Kurzlebigkeit moderner Bauwerke gegenüber historischer Architektur langfristig aus, auch auf das Leben und die Atmosphäre in großen Städten?

Neben der historischen Architektur werden immer wieder neue Bauten entstehen. Davon sind etwa 70 bis 80 Prozent aus der architekturhistorischen Sicht von geringer Bedeutung, wenn man sie aus Zukunftsperspektive betrachtet. Die restlichen 20 bis 30 Prozent bleiben auch zukünftig interessant und wertvoll. Das sind hauptsächlich öffentliche Gebäude, die schon während der Bauphase beachtet werden. Vertreter der Hintergrundarchitektur aus der Periode der 50er Jahre bis heute werden schlecht altern und aus diesem Grund architekturhistorisch nicht bestehen, was ich schade finde. So werden bestimmte Zeitperioden durch Hintergrundarchitektur wenig bis gar nicht mehr vertreten sein.

Welche Möglichkeiten haben Architekten mit den heutigen Technologien, um eine Stadt wie Berlin, die sich baulich rasant entwickelt, so zu gestalten, das die Bewohner sich wohlfühlen?

Bei den Hintergrundbauten muss mehr Wert auf die Oberflächengestaltung gelegt werden. Dazu müssten bestimmte Materialien eingesetzt werden. Leider besteht nicht immer dieser Anspruch bei den Bauherrn, weil der kommerzielle Aspekt überwiegt. Sie versuchen vielmehr, an den Materialien und damit der Oberflächenqualität zu sparen. Die Architekten haben wenig Chancen, dagegen anzukämpfen. Auf der anderen Seite formulieren Architekten nicht deutlich genug, dass Oberflächen eine gewisse Zeit überdauern sollten und darum Tiefe und Vielfältigkeit aufweisen müssen. Wenn dieser Anspruch nicht an die Bau-indus-trie gestellt wird, kann sie darauf auch nicht reagieren. Ich habe darüber mit dem bekannten indischen Architekten Bijoy Jain gesprochen. Er möchte sich nicht von der Industrie diktieren lassen und setzt sich für traditionelle Bauweisen ein, bei denen die Haptik, Ornamentik, das Material der Wand wieder eine größere Rolle spielen. Es hängt also auch von uns Architekten ab, die Bauindustrie aufzufordern, vielfältiger, nachhaltiger und interessanter an der Oberfläche zu arbeiten. Die Liebe bei der Verarbeitung der Oberfläche, das ist das Wesentliche.

Wie kann es zeitgenössischer Architektur gelingen, Jahrzehnte oder sogar Jahrhunderte später noch Beachtung zu finden?

Entscheidend ist die Frage, wie kann man die Wand wieder zu einer massiven Einheit entwickeln? Es ist ein Unterschied, ob man an eine alte Wand klopft, die massiv ist oder an die eines neueren Bauwerks mit einem Hohlraum dahinter. Energievorgaben können auf verschiedene Art gelöst werden. Wärmedämmung ist die einfachste Art und Weise. Die Kunst ist, eine vielschichtige Wand zu entwickeln, die eine massive vordere Schicht aufweist.

Welche Bauten in Berlin finden Sie besonders gelungen?

Berlin ist relativ weit vorn darin, neue Methoden für eine zeitlose Architektur zu entwickeln – ohne Beispiele nennen zu wollen.

Was halten Sie vom Schloss-Neubau in Berlin?

Das Schloss hat mit dem, worum es mir geht, nicht viel zu tun. Ich finde, wir müssen versuchen, Zeitlosigkeit mit unserer modernen Architektur zu erreichen, nicht indem wir alte Architektur nachahmen, weil wir das Gefühl haben, sie sei zeitloser als die neue. Das Schloss wird aus dem Gefühl eines Defizits nachgebaut. Wenn es gelingt, neue Architektur nachhaltig für einen längeren Zeitraum als dreißig oder fünfzig Jahre zu bauen, durch die Wahl der Materialien und Schaffung von interessanten Oberflächen, braucht man keine alten Schlösser wiederaufzubauen. Wir Architekten müssen Häuser erschaffen, die die Bedeutung von Schlössern erlangen – ohne Schlösser zu sein. Man setzt zu wenig Vertrauen in uns.

Braucht Berlin Hochhäuser?

Durchaus. Ich finde Hochhäuser sehr schön. Aber sie sollten interessant sein, skulptural und ungewöhnlich. Sie gehören zu den 30 Prozent, die nicht überall stehen dürfen und können die Hintergrundarchitektur bereichern, die bescheiden, aber detailreich gestaltet ist.

Danke für das Gespräch.

Buch Architektur als Balanceakt


  1. Das Interview ist im Magazin Berlin vis-à-vis im Winter 2018 erschienen. Foto: Holger Talinski. ↩︎